Fachkräftemangel
Die drei Dimensionen des Fachkräftemangels

Verfasst von

Boris Wehmann

am 25. Februar 2024

Den meisten Unternehmen tut der Fachkräftemangel noch gar nicht richtig weh.

Wie sonst wäre zu erklären, dass das Thema noch nicht zur Chefsache gemacht wurde?

Wenn wir über Fachkräftemangel sprechen, gehen wir in der Regel davon aus, dass es zu wenig verfügbare Arbeitskräfte gibt.

Das Problem ist aber weniger ein Mangel an Fachkräften, als eine Vielzahl unverrichteter Handgriffe und dass wir die zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte nicht erreichen.

In den kommenden Jahren wird sich das Problem „Fachkräfte“ verschärfen.

Schätzungen gehen davon aus, es könnten uns bis zum Jahr 2035 ca. sieben Millionen weniger Arbeitskräfte zur Verfügung stehen.

Wie viele es am Ende sind, ist irrelevant.

Die Anzahl der zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte können wir nur bedingt beeinflussen.

An dieser Stelle setzt einer der Hauptfehler an, wenn es um die Bekämpfung des Fachkräftemangels geht.

Die meisten Unternehmen konzentrieren sich auf die Menschen und darauf, mit welchen Mitteln sie diese für sich gewinnen können.

Das führt zu unterschiedlichen Auswüchsen. Häufig als „New Work“ verkleidet, werden unterschiedliche Maßnahmen ergriffen.

HR-Abteilungen und Recruiter*Innen lassen Ihren Ideen freien Lauf.

Selten mit durchschlagendem Erfolg, denn sie werden mit einem Problem allein gelassen, das an Komplexität kaum zu überbieten ist.

Was passiert hier?

Die Triebfeder eines jeden Unternehmens ist Angst. 

Angst davor, dass die angebotenen Lösungen sich nicht mehr verkaufen lassen und das Unternehmen untergeht.

Diese Angst treibt Innovation voran und hilft dabei, alles zu tun, um am Markt zu bestehen.

Fachkräftemangel ist ein Problem, das ebenfalls die Angst schürt, unterzugehen. 

Wenn wir keine Leute finden, gehen wir unter.

Durch verschiedene “Moden”, wie z.B. New Work, kann diese Angst für einen Moment neutralisiert werden.

Das Problem mit neutralisierter Angst ist, dass sie nicht verschwindet. Sie poppt immer mal wieder auf.

Und diese immer mal wieder aufpoppende Angst macht Unternehmen empfänglich für immer neue Modeerscheinungen.

HR-Abteilungen und Recruiter*Innen sind in ihrem Alleinsein mit dem Thema besonders empfänglich für Modeerscheinungen wie New Work.

Es ist allgemeiner Konsens: „Sprechen wir von Fachkräftemangel, heißt unser Problem: “Es gelingt uns nicht, neue Mitarbeitende zu rekrutieren.”

Diese und ähnliche Fragen treiben Sie dazu, Ihr Unternehmen ordentlich herauszuputzen. 

Sie investieren Unsummen darin, das Unternehmen auf Hochglanz zu bringen.

Aber, sind Sie rundum zufrieden mit den Ergebnissen der getätigten Investitionen?

Es ist durchaus möglich, dass Sie Erfolge erzielen und die Zahl der Bewerbungen steigt. 

Und trotzdem, die Zweifel bleiben und die Angst kehrt zurück.

Und noch eins:

Kein Unternehmen hat überlebt, weil es einer Modeerscheinung hinterhergelaufen ist.

Was können Sie konkret tun?

Wechseln Sie den Blickwinkel.

🔸Fachkräftemangel ist ein dreidimensionales Problem.

🔸Es gibt keinen Fachkräftemangel, sondern zu viele unverrichtete Handgriffe.

Die drei Dimensionen des Fachkräftemangels sind:

a. Die Außendarstellung des Unternehmens.

b. Prozesse und Organisationsstrukturen.

c. Die Mitarbeitenden.

1. Die Außendarstellung des Unternehmens

Die erste Dimension, die Außendarstellung, ist Ihnen wahrscheinlich am meisten vertraut.

Wenn Sie versuchen, dem Fachkräftemangel zu begegnen, werden Sie sich mit der Außendarstellung sehr intensiv befassen.

Dazu gehören sämtliche Maßnahmen, die sie ergreifen, um als Unternehmen möglichst gut dazustehen.

Kostenfreies Obst, Kickertische, rhythmische Tanzgymnastik, Homeoffice und flexible Arbeitszeiten auf der einen Seite.

Social Media und eine ausgefeilte Website, Messeauftritte und Employer Branding auf der anderen Seite.

Was ich dennoch häufig beobachte, ist:

  • Die Website passt nicht zum Social-Media-Auftritt.
  • Stellenausschreibungen sind gar nicht auf der Website, oder nur über verschlungene Pfade zu finden.
  • Die Website hat keine Aussage.
  • Der Social-Media-Präsenz fehlt es an Strategie, Kenntnissen über die Zielgruppe und einer Idee davon, was Sie mit Ihren Aktivitäten überhaupt erreichen wollen.
  • Die Außendarstellung steht in einem erheblichen Widerspruch zur Unternehmensrealität.

Achten Sie stets darauf, dass das, was Sie nach außen verkaufen, zum Innen passt.

Etwas Glanz und Glitter schadet natürlich nie. Es sollte aber nicht zu weit von der Realität entfernt sein.

2. Digitale Recruitinglösung trifft auf Brieftaube. Der Albtraum einer jeden Fachkraft

In der zweiten Dimension betrachten wir die bestehenden Prozesse und die Organisationsstruktur.

Tatsächlich kommt es vor, dass Unternehmen hochmoderne Recruiting-Tools implementiert haben. Über Chatbots wird eine Vorauswahl von Bewerber*Innen getroffen und Konversationen finden über WhatsApp statt.

Was so gut anfängt, endet oft genug mit einer WhatsApp, die da sagt: „Bitte senden Sie uns Ihre Unterlagen per Briefpost zu“.

Dieses ist ein Beispiel dafür, wenn die Außendarstellung im Widerspruch zur Unternehmensrealität steht.

Wenn Ihre Prozesse keine digitalen Kommunikationslösungen zulassen, dann lassen Sie es sein.

Unternehmen neigen dazu, Neues auf alte Strukturen zu packen.

Das ist ein wenig so, wie das Dach eines Hauses neu zu decken, den maroden Dachstuhl aber nicht zu erneuern.

Dass das passiert, ist absolut verständlich.

Es sind häufig kleine Änderungen, die initiiert werden. Das tut erst mal nicht weh.

Aber eins führt zum anderen und ehe Sie sich versehen, haben Sie ganz viele Neuerungen. 

Das Neue passt nicht zum Alten.

Im besten Fall verpuffen die Neuerungen mehr oder weniger wirkungslos und richten einen geringen Schaden an.

Wenn’s schlecht läuft, haben Sie richtig Sand im Getriebe.

Weitergekommen sind Sie damit aber nicht.

Wenn Sie den Bedarf an Fachkräften ermitteln, tun Sie das wahrscheinlich, ohne zeitgleich die bestehenden Prozesse und Organisationsstrukturen mitzudenken.

Sie haben nur im Kopf, dass die Anzahl der Fachkräfte sinkt.

Mit fortschreitender Automatisierung und Digitalisierung werden aber viele Jobs verschwinden oder sich stark verändern und neue Jobs entstehen. Das müssen Sie berücksichtigen.

Veraltete Prozesse stellen noch ein weiteres Problem dar.

Sie führen zu dem bereits erwähnten Widerspruch.

Ihre Außendarstellung ist 2023, Ihre Prozesse sind aber aus dem Jahr 2000.

a. Das schreckt potenzielle Fachkräfte ab. Die bekommen nämlich etwas vorgegaukelt, was nicht existiert.

b. Sie suchen evtl. nach den falschen Qualifikationen, denn ein Update der Prozesse würde gegebenenfalls andere Qualifikationen erfordern, als Sie heute vermuten.

c. Sie suchen womöglich nach mehr Fachkräften, als Sie sie mit neuen Prozessen benötigen würden.

d. Alte Prozesse machen Sie unflexibel und binden Ressourcen, die Sie anderweitig einsetzen könnten.

Eine nicht zeitgemäße Organisationsstruktur macht Sie unflexibel.

Das kann sich dadurch äußern, dass Entscheidungswege zu lang sind, keine Entscheidungen getroffen werden oder die Lösungen nicht zum Problem passen.

3. Wenn Mitarbeitende auf der Bremse stehen

Ihre Mitarbeitenden sind Ihre engsten Verbündeten, wenn es um die Gewinnung von Fachkräften geht.

Oder ihre erbittertsten Gegner.

Wenn sich Ihre Mitarbeitenden wohlfühlen im Unternehmen und möglichst ungehindert ihre Arbeit verrichten können, werden sie positiv über das Unternehmen berichten.

Auf Social Media wird fleißig gepostet, wie super das Unternehmen ist.

Die Familie und der Freundeskreis werden sich ständig anhören müssen, in was für einem großartigen Unternehmen man arbeiten darf.

Und womöglich werden die Bekannten und Freundinnen und Freunde aktiv auf freie Stellen im Unternehmen aufmerksam gemacht.

Damit das geschehen kann, müssen die Prozesse und die Organisationsstrukturen es zulassen, dass Mitarbeitende einen möglichst großen Beitrag zur Wertschöpfung des Unternehmens leisten können.

Gib es im Unternehmen eine latente Unzufriedenheit oder eine starke Diskrepanz zwischen Außendarstellung und Realität, werden die Mitarbeitenden im besten Fall einfach schweigen und nichts erzählen.

Das kann aber auch richtig übel ausgehen, indem aktiv Negativwerbung gemacht wird.

Last but not least:

Es gibt keinen Fachkräftemangel, sondern zu viele unverrichtete Handgriffe.

Was meine ich damit?

Betrachten Sie einmal die bestehenden Arbeitsschritte.

Lassen sich die Arbeitsschritte anders zusammensetzen und könnten einige Arbeitsschritte durch weniger qualifizierte Arbeitskräfte erledigt werden?

Würde Ihnen das ermöglichen, Quereinsteiger*Innen oder Langzeitarbeitslosen eine Chance zu geben?

Braucht es eine Bilanzbuchhalterin, um Rechnungen zu schreiben?

Muss ein Bäckermeister das Brot persönlich in den Ofen schieben?

Die Beispiele mögen blöd sein.

Wozu ich Sie einladen möchte, ist, dass Sie die Perspektive wechseln, dadurch auf neue Ideen kommen und den Mut haben, neue Wege auszuprobieren.

Lassen Sie sich nicht von den vermeintlichen Versprechen einer Glücksbewirtschaftungsindustrie von den wesentlichen Aufgaben ablenken.

In meinem Menschenbild gehe ich davon aus, dass jeder Mensch intrinsisch motiviert ist und einen tieferen Sinn durch Arbeit und einen Beitrag zur Wertschöpfung leisten möchte.

Dazu bedarf es aber Rahmenbedingungen, die zulassen, dass Menschen mit ungeraden Lebensläufen und Langzeitarbeitslosen in Unternehmen eine Chance bekommen und einen Beitrag leisten können.

Um diese Rahmenbedingungen zu schaffen, muss die Arbeit neu organisiert werden.

Das zu tun, ist Aufgabe der Geschäftsleitung.

Eine HR-Abteilung kann das nicht leisten.

Übrigens: Menschen mit ungeraden Lebensläufen werden Sie nicht erreichen, wenn Sie Bewerbungen durch einen digitalen Prozess laufen lassen und vorsortieren.

Fazit

Fachkräftemangel ist kein Problem einer sinkenden Anzahl von Fachkräften.

Es ist ein Problem eingefahrener Prozesse und Strukturen und fehlenden Mutes, neue Wege zu gehen.

Da es nur bedingt gelingen wird, die Anzahl der verfügbaren Fachkräfte über z.B. Migration nach oben zu bringen, ist es notwendig, dass Sie Ihr Unternehmen so aufstellen, dass Sie besser mit der Situation umgehen können.

Das gelingt nicht über Modeerscheinungen wie „New Work“, kann aber sehr wohl über eine ganzheitliche Betrachtungsweise gelingen.

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