Warum das Festhalten an unprofitablen Kunden in der aktuellen Kostenkrise das sichere Aus bedeutet
Die Insolvenz von Speditionen ist 2026 kein Randthema mehr. Der internationale Kreditversicherer Atradius prognostiziert einen weiteren Anstieg der Insolvenzen in der Transport- und Logistikbranche – derzeit ist jedes vierte mittelständische Transportunternehmen akut gefährdet. Gleichzeitig hat die DIHK ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr auf 0,3 Prozent gesenkt, nach zuvor 1,0 Prozent.
Das ist keine schlechte Konjunkturphase. Das ist eine strukturelle Doppelkrise und sie trifft eine Branche, die seit Jahren mit Margen unter drei Prozent arbeitet und keinen Puffer mehr hat.
Ich schreibe das nicht als jemand, der von außen auf die Branche schaut. Ich komme aus der Schifffahrt, war 20 Jahre auf der anderen Seite des Tisches als CFO und Geschäftsführer, verantwortlich für Strukturen, die unter Druck genauso reagiert haben wie die, über die ich hier schreibe. Das macht es nicht einfacher. Aber es macht den Blick klarer.
Was die Zahlen zur Insolvenz im Speditionswesen bedeuten
Die finanzielle Konstruktion vieler Speditionen ist in dieser Lage strukturell gefährlich: Kraftstoff muss sofort bezahlt werden, Kundenrechnungen kommen erst nach bis zu 60 Tagen. Bei Margen unter drei Prozent ist das kein Liquiditätsproblem, das ist ein Geschäftsmodellproblem. Dazu kommen steigende Löhne, anhaltender Fahrermangel, Wettbewerbsdruck insbesondere aus Osteuropa sowie zusätzliche Kosten durch Digitalisierung und Regulierung. Jede dieser Positionen für sich ist beherrschbar. Zusammen, in dieser Marktlage, ist die Kombination für viele Häuser erdrückend.
Im vergangenen Jahr meldeten 469 Logistikunternehmen in Deutschland Insolvenz an, darunter 19 mit einem Jahresumsatz von mehr als zehn Millionen Euro. Die Insolvenzquote stieg gegenüber 2024 um 5,6 Prozent. Die Nichtzahlungsmeldungen der ersten Monate 2026 liegen bereits deutlich über dem Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre – die Insolvenz im Speditionswesen 2026 ist kein Zukunftsszenario, sondern läuft bereits.
Das sind keine abstrakten Zahlen. Dahinter stehen Unternehmen, die jahrzehntelang funktioniert haben.
Der Reflex, der verständlich ist und trotzdem nicht hilft
Wenn der Druck steigt, liegt die naheliegende Reaktion auf der Hand: selbst anpacken. Die Disposition übernehmen, wenn es brennt. Den wichtigen Kunden persönlich anrufen. Abends noch einmal die Zahlen prüfen. Das ist kein Fehler im Charakter, das ist die Logik eines Systems, das auf den Inhaber zugeschnitten ist und das über Jahre so funktioniert hat. Das Problem ist nicht der Einsatz. Das Problem ist, was dabei nicht passiert:
Die zweite Führungsebene bleibt, wo sie ist. Nicht weil sie es nicht besser könnte, sondern weil die Situation ihr keine Chance lässt, es zu beweisen. Wer weiß, dass der Chef einspringt, muss keine eigene Entscheidungssicherheit entwickeln. Das ist keine Kritik an den Leuten. Das ist die Logik der Situation.
Preisstrukturen bleiben unangetastet. Nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil das Gespräch mit einem langjährigen Kunden über Preiserhöhungen Zeit, Energie und eine gewisse innere Ruhe braucht. Beides fehlt, wenn man selbst im Tagesgeschäft steckt. Also bleibt der Kunde im Portfolio, zum Preis von vor drei Jahren, mit Kosten von heute.
Strategische Fragen bleiben offen. Welche Kunden tragen tatsächlich zur Marge bei, wenn man alle Kosten einrechnet? Welche Routen rechnen sich noch? Niemand kommt dazu, das ernsthaft durchzurechnen, nicht weil es niemanden interessiert, sondern weil der Alltag es nicht zulässt.
Das ist die Harmonie-Falle: Man hält an Beziehungen und Strukturen fest, weil sie lange funktioniert haben, weil ein Konfliktgespräch gerade nicht der richtige Moment ist, weil man hofft, dass sich die Lage bald wieder beruhigt. Das ist menschlich. Und es wird in dieser Marktlage zum Problem.
Hamburg trifft das besonders
Hamburg ist Deutschlands größter Seehafen und einer der bedeutendsten Logistikstandorte Europas. Was das in der Praxis bedeutet: Die externen Schocks, Dieselpreise, geopolitische Verwerfungen, Kostendruck, kommen hier mit voller Wucht an, ohne den Puffer, den ein Konzernverbund bieten würde. Inhabergeführte Häuser tragen das allein. DIHK-Hauptgeschäftsführerin Helena Melnikov formulierte es in der Konjunkturumfrage vom 27. Mai ohne Beschönigung: „Viele Betriebe hätten kaum noch Reserven, um den Belastungen etwas entgegenzusetzen. Deutschland lebe von der Substanz.“ Die Geschäftslage werde branchenweit so negativ bewertet wie zuletzt in der Corona-Pandemie.
Das ist der Kontext, in dem Entscheidungen jetzt getroffen werden müssen. Nicht in ruhigem Fahrwasser, sondern mittendrin.
Was sich ändern lässt
Ich habe in meiner Zeit als CFO erlebt, wie externe Druckwellen auf gewachsene Strukturen treffen und was dann hilft. Es ist nie mehr vom Gleichen. Es ist Klarheit darüber, was das Unternehmen wirklich trägt und was es belastet.
Drei Fragen, die sich in dieser Lage lohnen:
Welche Kunden sind tatsächlich profitabel? Nicht gefühlt, sondern gerechnet mit vollständigen Kosten für Kraftstoff, Personal und Kapital. Die Antwort ist oft überraschend. Und sie zeigt, wo Preiserhöhungen nicht nur möglich, sondern notwendig sind. Ein Gespräch über gestiegene Dieselpreise und Lohnkosten ist kein Konflikt – es ist ein Realitätsgespräch. Gute Kunden führen es.
Was kann die zweite Führungsebene übernehmen, wenn die Strukturen es zulassen? Die Frage ist selten, ob die Leute es können. Die Frage ist, ob Verantwortlichkeiten klar genug definiert sind, damit sie es dürfen. Das ist eine Organisationsfrage, keine Personalfrage.
Wann hat der Geschäftsführer zuletzt strategisch gearbeitet? Nicht operativ. Strategisch. Wenn die Antwort länger als eine Woche zurückliegt, ist das ein Signal. Nicht über die Person, sonder über die Struktur.
Was das bedeutet
Viele inhabergeführte Speditionen stehen nicht vor einem Liquiditätsproblem. Sie stehen vor einem Steuerungsproblem. Die Zahlen, sinkende Margen, steigende Insolvenzen, wachsender Kostendruck, sind das Symptom. Was dahintersteckt, ist eine Organisation, die mit dem Unternehmen gewachsen ist, aber nicht in dem Tempo, das die aktuelle Lage verlangt. Das lässt sich ändern. Atradius rechnet für Deutschland in diesem Jahr mit einem Rückgang der Transport- und Logistikleistung um 2,1 Prozent. Der Markt wird sich nicht von selbst beruhigen. Aber wer jetzt weiß, wo die eigenen Hebel liegen, hat mehr Spielraum als der, der es später herausfindet.
Über den Autor
Boris Wehmann ist Unternehmensberater in Hamburg. In 20 Jahren als CFO und Geschäftsführer im Handel und Schifffahrt hat er erlebt, wie externe Druckwellen gewachsene Strukturen treffen und was dann hilft. Heute begleitet er inhabergeführte KMU in Schifffahrt, Spedition und Logistik bei der Unternehmensentwicklung. Sein Ansatz: Bremsklötze identifizieren, Hebel freilegen, Veränderung umsetzen. Er bleibt, bis es läuft.
Quellen: Atradius Pressemitteilung, 7. Mai 2026 | VerkehrsRundschau, 8. Mai 2026 | DIHK Konjunkturumfrage Frühsommer 2026 | VerkehrsRundschau, 27. Mai 2026
Häufige Fragen
Wie hoch ist die Insolvenzgefahr für Speditionen 2026?
Laut Kreditversicherer Atradius ist derzeit jedes vierte mittelständische Transportunternehmen in Deutschland akut gefährdet. Im Vorjahr meldeten bereits 469 Logistikunternehmen Insolvenz an, die Nichtzahlungsmeldungen der ersten Monate 2026 übersteigen bereits die Gesamtzahlen vergangener Jahre.
Was sind die Hauptursachen für die Insolvenzwelle im Speditionswesen?
Die Hauptursachen sind steigende Dieselpreise durch geopolitische Verwerfungen (Blockade der Straße von Hormus), Margen unter drei Prozent, steigende Lohnkosten, Fahrermangel und eine strukturelle Finanzierungslücke: Kraftstoff wird sofort bezahlt, Kundenzahlungen kommen oft erst nach bis zu 60 Tagen.
Was ist die Harmonie-Falle in der Spedition?
Die Harmonie-Falle beschreibt das Muster, bei dem Geschäftsführer aus Konfliktscheu an unprofitablen Kundenbeziehungen und veralteten Preisstrukturen festhalten, obwohl diese die Marge zerstören. In der aktuellen Kostenkrise ist dieses Verhalten existenzgefährdend.
Was sollten Spediteure jetzt konkret tun?
Priorität haben vier Maßnahmen: vollständige Berechnung der Kundenprofitabilität, sofortige Neuverhandlung nicht mehr tragbarer Preisstrukturen, strukturelle Entlastung des Geschäftsführers durch eine funktionsfähige zweite Führungsebene – und die Wiederherstellung der eigenen Steuerungsfähigkeit.
Wie unterscheidet sich die aktuelle Krise von früheren Abschwüngen im Speditionswesen?
Die aktuelle Lage ist eine strukturelle Doppelkrise: Geopolitische Verwerfungen treffen auf jahrelang gewachsene Kostenstrukturen, die bei Margen unter drei Prozent keinen Puffer mehr haben. Die DIHK bewertet die Geschäftslage so negativ wie zuletzt in der Corona-Pandemie – und die Insolvenzquote steigt bereits jetzt schneller als in früheren Krisenperioden.



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