Naive Start-ups
Naive Start-ups

Verfasst von

Boris Wehmann

am 24. September 2022

Start-ups laufen Gefahr, in die gleiche Falle zu tappen, in der sich bereits traditionelle Unternehmen befinden. Die Dynamik, der Spaß und die echte Teamarbeit werden Stück für Stück von immer mehr Steuerung verdrängt. Das, was sich anfänglich gut anfühlte, verschwindet. Frust macht sich breit.

Wir haben gegründet und sind jetzt ein Start-up.

Es ist diese eine zündende Idee, die einen antreibt. Erst tüftelt man allein, später mit anderen gemeinsam und alle haben dieses eine Ziel vor Augen.

Das gesamte Leben scheint sich um diesen Traum zu drehen. Es wird diskutiert, gestritten, sich wieder versöhnt und geackert, bis der Arzt kommt.

Ohne Strukturen. Jeder macht alles. Wann immer es etwas zu erledigen gibt, wird kurz abgesprochen, wer das übernehmen kann und los geht’s. 

Meistens gibt es bereits Stärken und Arbeitsschwerpunkte, sodass ohnehin schon klar ist, wer die beste Person aus der Crew ist, um die anstehende Arbeit zu erledigen.

Das Business beginnt zu wachsen, Mitarbeitende werden eingestellt.

Anfangs herrscht eine unfassbare Dynamik, Flexibilität und Spaß. 

  • Mobile Arbeit und Homeoffice? No-brainer. 
  • Flexible Arbeitszeiten und unbegrenzt viel Urlaub? Jo. 
  • Teambuilding und gemeinsames Mittagessen? Yes, h*ll.
  • Transparente Vergütung? Absolut.

Mit Wachstum und steigenden Mitarbeiterzahlen beginnt sich etwas zu verändern.

Es passen nicht mehr alle Mitarbeitenden um den runtergerockten Tisch. Eine Gruppe beginnt sich vom Rest „abzusetzen“. Der Gründungskern macht unter sich aus, was gemacht wird. Der Rest der Crew ist in Teilen abgekoppelt von der Kommunikation und bekommt die „Leftovers“.

Was aber passiert hinter den Kulissen?

Hinter den Kulissen wird eine HR-Abteilung aufgebaut, es wird budgetiert, es werden Ziele gesetzt und vereinbart. Investitionsplanungen werden gemacht, 

Prozessanweisungen werden geschrieben und Plan-Ist-Vergleiche angestellt, um nur ein paar Beispiele aufzuzählen. 

Die im Start-up vorherrschende Dynamik und dieses hohe Maß an Könnerschaft wird scheibchenweise von Steuerung verdrängt. Wir meinen zu wissen, was uns erfolgreich gemacht hat. Und wenn wir dieses Rezept in Prozesse gießen und uns danach richten, bleiben wir für ewig auf der Siegerspur.

Ein weiterer Nagel zu mehr Inflexibilität wurde soeben eingeschlagen.

Die Märkte haben sich maximal ausgedehnt und werden enger

Die Märkte sind hoch dynamisch geworden. Mit voranschreitender Globalisierung haben sich die Märkte maximal ausgedehnt. Es wird enger. Denn mehr Player teilen sich eine maximale Fläche. 

Ein Prozess, der uns gestern erfolgreich gemacht hat, ist heute bereits veraltet. Mitbewerber kommen mit neuen Ideen. 

Damit wir darauf reagieren können oder noch besser selber den Markt mit eigenen Ideen unter Druck setzten können, benötigen wir permanent neue Ideen, und diese werden durch Talente produziert. Denen nehmen wir aber die Luft zum Atmen, wenn wir sie zwingen, nach einem Prozess zu arbeiten. Außerdem ziehen wir ihren Fokus vom Markt ab, hin zu einer intern referenzierten Aufgabe. Nämlich Einhaltung des Prozesses.

Start-ups haben als echtes Team ihre Arbeit begonnen. Jedes Teammitglied hat ganz bestimmte Talente mit eingebracht. Wäre einer ausgestiegen, hätte man sie / ihn nicht ohne weiteres durch eine andere Person austauschen können.

In dieser Umgebung entsteht echtes Können. Die Freiheit so lange zu probieren, bis man eine Lösung hat. In dieser Umgebung darf man sich auch irren. Hat etwas nicht funktioniert, versucht man es auf andere Weise ein weiteres Mal.

Je mehr Steuerung im Unternehmen Einzug hält, desto mehr entzieht man solchen Teams die Kreativität.

Start-ups, die von einem Blank-Sheet aus starten, tragen nicht den Ballast vieler Jahre mit sich herum. Sie haben die einmalige Chance, es tatsächlich anders zu machen.

Die Weichen müssen dafür aber vor dem Wachstum bereits so gestellt werden, dass Steuerung und Agilität in einem dem Branchenumfeld angemessenen Verhältnis stehen.

Es geht darum, sich zu sensibilisieren und permanent zu hinterfragen, ob das, was wir „Neu“ machen wollen, auf unseren Unternehmenszweck einzahlt. Welches Problem wollen wir damit lösen? Ist es ein Problem, das uns aus dem Markt heraus getroffen hat oder ist es etwas, mit dem ich nur meine eigenen Bedürfnisse befriedigen möchte?

Und eben hier lauern die größten Herausforderungen. Insbesondere für junge Gründer:Innen, denen es an solchen Erfahrungen fehlt.

Start-Up-Dynamik lässt sich in weiten Teilen retten, wenn man nicht in alte Fallen tappt.

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