Chief Purpose Officer

Verfasst von

Boris Wehmann

am 24. September 2022

Ein Chief Purpose Officer (CPO) wacht darüber, dass die unterschiedlichen Versprechen des Unternehmens eingehalten werden. Zu diesen Versprechen gehört beispielsweise nachhaltiges Wirtschaften, eine Frauenquote einzuhalten oder sich sozial zu engagieren.

Chief Purpose Officers benötigen Teams, um an den größeren Themen zu arbeiten.

Die Rolle des Chief Purpose Officers sollte idealerweise in alle Unternehmensbereiche eingebettet sein. Damit wird sichergestellt, dass das Tagesgeschäft, also der Unternehmenszweck, im Einklang mit den Werten des Unternehmens steht. Somit spricht der/die CPO auch bei Themen wie Finanzen, Marketing und Vertrieb mit.

Wenn sich ein Unternehmen dazu entschlossen hat, die Position des CPOs zu besetzen und es richtig gut läuft, verpufft die Maßnahme wirkungslos. Es geht spurlos an allen vorbei.

Läuft es nicht gut, fördert es im Unternehmen Zynismus und richtet Schaden an.

Die Rolle des Chief Purpose Officers macht schon in der Rollenbeschreibung deutlich, was das Problem ist.

Ein Unternehmen braucht keine Person, die über gemachte Versprechen wacht.

Wenn ich als Unternehmen etwas wirklich ernst meine, brauche ich niemanden, der über die Einhaltung wacht.

Es ist bei Themen wie Nachhaltigkeit, Frauenquote oder Diversity etwas in unseren Köpfen nicht richtig.

Würden wir aus tiefstem Herzen davon überzeugt sein, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind, dass die Hautfarbe und die geschlechtliche Orientierung vollkommen egal ist und die Ressourcen der Erde geschont werden müssen, dann lebe ich das vor. Das beginnt beim Unternehmensinhaber, setzt sich fort über die verschiedenen Managementebenen bis hin zu den Auszubildenden oder Werkstudent:Innen. Dann komme ich auch nicht auf die Idee, die Reinigungskräfte auf meiner Website abzubilden, zum Beweis dafür, dass das Unternehmen divers ist.

Tue ich das nur aus Marketinggründen, dann benötige ich in der Tat einen Showmaster, der eine ordentliche Unterhaltungsshow auf die Beine stellt. Ein Überwachungsteam gleich dazu, damit die Show nicht auffliegt

Was gibt es Wichtigeres im Unternehmen als Tagesgeschäft?

Der/die Gründer:In des Unternehmens wollten ein Problem lösen. Vielleicht etwas, wofür sie ursprünglich selbst eine Lösung brauchten, die es auf dem Markt noch nicht gab. Vielleicht aber auch, weil der Markt noch groß genug war, um unterschiedliche Lösungsansätze zu verkaufen. Genau dieser Zweck ist es, was das Geld einbringt.

Wenn wir den Unternehmenszweck den Werten unterordnen oder im besten Fall die Werte mit dem Zweck abzugleichen, richten wir den Fokus nach innen, weg vom Markt.

Hinzu kommt, dass viele Unternehmenswerte oder Leitbilder lediglich eine Marketingidee einer Stabstelle sind, die tatsächlich von der Mehrheit der Organisation nicht mitgetragen werden. Wir müssen bei unseren Leitsätzen also erst mal sicherstellen, dass sie Rückhalt in der Organisation finden und tatsächlich auch gelebt werden. Von allen. Die Antwort darauf, ob es Rückhalt gibt oder nicht, finde ich in der Kaffeeküche.

Chief Purpose Officer | Neue Rolle in einem alten System

Mit dem CPO schaffe ich eine neue Rolle in einem alten System. Das ist wie bei „Mensch-Ärgere-Dich-Nicht“.

Das Spiel ist klar, die Regeln sind klar, die Figuren sind klar. Nun packe ich zusätzlich statt „Männchen“ ein paar Schiffe hinzu. Die Schiffe reichern das Spiel mit ein paar zusätzlichen Regeln an und überwachen, dass alle Spieler:Innen die bestehenden Regeln im Einklang mit den neuen Regeln anwenden. Chaos. Es ist nicht mehr das gleiche Spiel.

So oder so ähnlich verhält es sich mit der Implementierung eines CPOs wenn ich das Spiel, also die Regeln, bzw. die Rahmenbedingungen in der Organisation nicht anpasse. Der/die CPO will überall mitreden, hat von den Themen vermutlich wenig Ahnung, behindert aber alle bei der Arbeit. Das Ganze mit dem Segen der Geschäftsleitung, die ohnehin weitermacht wie bisher. Hätten sie es wirklich ernst gemeint, hätten sie keinen CPO eingestellt. Siehe den ersten Punkt.

Wenn ich diese Verantwortung an einen CPO delegiere, meine ich es nicht ernst. Zwar kann ich mich damit brüsten und erzählen, wie fortschrittlich das Unternehmen ist. Die Maßnahme Ansicht aber verpufft. Zynismus macht sich breit.

Der Ruf nach einer übergreifenden Verantwortungsübernahme durch private Unternehmen

Es heißt, Unternehmen müssen mehr Verantwortung für Ihre Mitarbeitenden übernehmen und dafür Sorge tragen, dass es ihnen an nichts fehlt. Diesen Punkt finde ich am problematischsten.

  1. Wer sagt das eigentlich? Die Aussage steht so im Raum und wird je nachdem, mal den Mitarbeitenden zugeschrieben, mal den Unternehmen, mal der Politik. Ganz wie’s passt.
  2. Wir meinen, unsere Mitarbeitenden sind nicht in der Lage, eigenständig einen Liter Milch zu kaufen oder allein aus dem Bus zu gucken. Also infantilisieren wir sie und organisieren mehr und mehr Bereiche ihres Lebens. Kostenlose Getränke, aber bitte ohne Zucker, kostenfreies Mittagessen, rhythmische Tanzgymnastik und Rutschen statt Treppenhäuser.
  3. Die 4-Tage-Woche muss her, weil alle so gestresst sind.

Was wir dabei elegant verschweigen, ist die Tatsache, dass wir die Mitarbeitenden eingestellt haben, weil sie Qualifikationen mitbringen, die wir für unser Unternehmen suchen. Die Menschen haben eine Ausbildung gemacht oder studiert. Haben ihre Bewerbung geschrieben und sich für unser Unternehmen entschieden. Das alles ganz ohne unsere Hilfe. Sie haben sich sogar bereits selbstständig ernährt. Sogar Autofahren können manche.

Wir spielen die Mitarbeitenden systematisch kaputt

Sobald ein/e neue/r Mitarbeiter:In unseren Unternehmenskosmos betritt, beginnen wir mit unserer systematischen Demotivierung und Infantilisierung.

Bestehende Regeln verhindern, dass Menschen Verantwortung übernehmen können. Wir halten sie durch etablierte Management-Instrumente permanent von der Arbeit ab. Wir leben nicht, was wir sagen und ziehen eine riesen Show auf, um uns einen modernen Anstrich zu verpassen. Wir tun alles dafür, gute Bewertungen auf dem heutigen anonymen Pranger namens Kununu zu bekommen. Wir spielen bei Wettbewerben „bester Arbeitgeber“ mit. Wir halten unseren Mitarbeitenden für blöd. Dabei haben sie die Show längst durchschaut. Wenn sie keine Lust mehr haben, als Statist in unserer Show mitzuspielen, gehen sie.

Da hilf es auch nicht, eine/n Chief Purpose Officer zu etablieren. Es ist eben nur ein weiterer Baustein des „New“ Theaters. Und alle machen mit.

Fazit

Es macht keinen Sinn, immer wieder Neues über etwas Altes zu stülpen. Als Gesellschafter oder Geschäftsleitung müssen wir von Herzen vorleben, was wir sagen. Es kommt auf die Geisteshaltung an, die uns leitet.

Wir müssen das System „Arbeit“ neu denken. Mitarbeitende müssen als Erwachsene betrachtet werden und wir müssen aufhören, sie zu bespaßen und zu bevormunden. Es ist an den obersten Führungskräften, Rahmenbedingungen zu schaffen, die es den Mitarbeitenden ermöglicht, wirksam zu sein und tatsächlich Entscheidungen zu treffen. Menschen möchten und können Verantwortung übernehmen. Wir haben gut ausgebildete Fachkräfte eingestellt.

Dann macht es vielleicht auch Sinn, die Position eines Chief Purpose Officers zu etablieren. Diese Position wäre eingebettet in ein Gesamtkonstrukt und somit eine logische Ergänzung. Aber auch nur dann, wenn es auf den Unternehmenszweck einzahlt.

Wie ist es bei Ihnen? Haben Sie einen Chief Purpose Officer etabliert und welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

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